Mobbing-Verdacht in der Klasse – mein Schritt-für-Schritt-Vorgehen
Aktualisiert: 20. Mai
„Vanessa, ich glaube, bei uns läuft gerade etwas. Kannst du mal schauen?"
Diesen Satz höre ich in meiner Arbeit als Schulsozialpädagogin und ich bin jedes Mal froh darüber. Denn er bedeutet: Eine Lehrkraft hat hingeschaut, hat etwas gespürt und sucht jetzt Unterstützung. Genau das ist der erste und wichtigste Schritt. Was danach kommt, ist nicht immer einfach aber es gibt einen Weg, der sich in meiner Praxis bewährt hat. Heute teile ich ihn mit euch: ehrlich, direkt und so, wie ich es selbst erlebe.
Erstmal durchatmen und nicht sofort handeln
Ich weiß, das klingt kontraintuitiv aber gerade bei Mobbingverdacht ist es entscheidend, nicht impulsiv zu reagieren. Wer sofort in die Klasse geht, Schüler konfrontiert oder gar öffentlich anspricht, riskiert, die Situation zu verschlimmern und das Vertrauen des Opfers zu verlieren, bevor es überhaupt entstanden ist.
Mein erster Schritt ist deshalb immer: Zuhören und sammeln. Schritt 1: Das Gespräch mit der Lehrkraft
Ich setze mich zunächst mit der Lehrkraft oder Klassenleitung zusammen und versuche, ein möglichst genaues Bild der Situation zu bekommen:
- Seit wann gibt es die Auffälligkeiten?
- Wer ist betroffen – gibt es ein konkretes Opfer, oder ist die Dynamik diffuser?
- Wie äußert sich das Verhalten – im Unterricht, in der Pause, auch online?
- Hat die Lehrkraft bereits versucht einzugreifen? Was ist passiert?
Diese erste Einschätzung hilft mir zu verstehen, ob es sich um eine akute Situation handelt oder um etwas, das sich schon länger aufgebaut hat. Denn das macht einen großen Unterschied für das weitere Vorgehen.
Schritt 2: Abgleich mit der Schulpsychologin
Dieser Schritt wird oft unterschätzt aber er ist für mich unverzichtbar. Ich kontaktiere die Schulpsychologin und frage, ob sie von der betreffenden Klasse oder einzelnen Schüler bereits etwas weiß. Häufig gibt es Hintergrundinformationen, die im Alltag nicht sichtbar sind: familiäre Belastungen, bereits bekannte Gruppenkonstellationen, Vorgeschichten. Kein Fall sollte im Alleingang bewertet werden – immer mindestens zu zweit, immer mit dem Wissen der Schulleitung.
Schritt 3: Das Gespräch mit dem betroffenen Kind
Das ist der sensibelste Moment im gesamten Prozess. Deshalb suche ich oder unsere Schulpsychologin das Gespräch mit dem betroffenen Kind aber immer in einem geschützten, ruhigen Rahmen, niemals vor anderen Schüler und niemals unter Druck. Mein Ziel in diesem Gespräch ist nicht, sofort alle Fakten zu kennen. Mein Ziel ist, Vertrauen aufzubauen. Ich frage offen, höre zu, zeige Empathie und signalisiere klar: Ich nehme das ernst und nichts passiert ohne dein Einverständnis.
Wichtige Leitfragen, die ich dabei nutze:
- „Kannst du mir erzählen, was in letzter Zeit vorgefallen ist?"
- „Wie fühlst du dich gerade in deiner Klasse?"
- „Gibt es jemanden, von dem du das Gefühl hast, dass er oder sie dich absichtlich verletzt?"
- „Seit wann ist das so? Wie oft passiert es?"
Für dieses Erstgespräch habe ich euch einen Gesprächsleitfaden verlinkt, den ich in einer super detaillierten TaskCard während meiner Recherche gefunden habe und ebenfalls in meiner Arbeit nutze.
Schritt 4: Klassenbeobachtung
Je nach Informationslage plane ich eine Klassenbegleitung ein und ich sitze einfach dabei, beobachte und notiere. Dabei achte ich besonders auf:
- Wer kommt wie in den Raum? Alleine, in Gruppen?
- Wer wird bei Gruppenarbeiten zuletzt gewählt – oder gar nicht?
- Wie reagieren die Schüler:innen untereinander? Gibt es Blicke, Gesten, Ausgrenzung, die Außenstehenden vielleicht nicht auffällt?
- Verändert sich das Verhalten einzelner Kinder je nach Fach oder Lehrkraft?
Diese Beobachtungen fließen in ein Mobbinguntersuchungs- und Interventionsprotokoll ein, welches sich ebenfalls in der TaskCard befindet und ich für jeden Fall führe.
Schritt 5: Koordiniert handeln – gemeinsam
Wenn sich der Mobbingverdacht erhärtet, geht es nicht mehr darum, was ich alleine tun kann. Es geht darum, wer alles ins Boot geholt werden muss: Schulleitung, Schulpsychologin, Eltern des Opfers, ggf. auch die Eltern der Akteur:innen. Dabei gilt immer: Das Opfer hat Vorrang. Kein Gespräch, keine Maßnahme ohne sein Wissen und seine Zustimmung. Und: Geduld. Nachhaltigkeit entsteht nicht durch schnelle Lösungen, sondern durch konsequentes Dranbleiben.
Was ich euch mitgeben möchte
Mobbingfälle sind nie einfach aber sie sind handhabbar, wenn wir strukturiert, empathisch und im Team vorgehen. Im nächsten Beitrag teile ich die häufigsten Fehler, die bei Mobbinginterventionen passieren, bei Fachkräften und Eltern. Denn manchmal ist das Wissen darüber, was man nicht tun sollte, genauso wertvoll.
Habt ihr schon Erfahrungen mit Mobbingverdacht gemacht? Wie seid ihr vorgegangen und was hat euch dabei geholfen?
In Liebe
Eure Sozialpädagogin mit Herz (:




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